Der rote Regenschirm

László Villányi

Einer von ihnen besieht die roten Schuhe.Der andere den roten Regenschirm .Der dritte den dem  seinen so ähnlichen kurzen Haarschnitt . ( Trotzdem , wie mädchenhaft , wundert er sich .) Doch wenn sie ein Blick trifft ,starren sie auf die Bögen der Straßenbahnrippen...Ihre Hände unter den Schenkeln , damit der Geruch sezierter Frösche nicht wahrzunehmen sei . Statt in nassen Hosen würden sie lieber in weißen , langen Beinkleidern dasitzen . Mit übereinandergeschlagenen Beinen . In ihre Hände drücken sich langsam die Streifen der Sitze ein .
Am Theater , noch vor der Haltestelle , springen sie ab , hinein in den Regen . So sehen sie nicht , wie die roten Schuhe in die Wasserpfütze treten . Sie schauen nur nach dem roten Regenschirm , den der Wind über dem burschenhaften Haarschopf ergreift . In ihren Augen vergrößert sich , schmerzlich , das feine Handgelenk .
( Seitdem ist der rote Regenschirm  in Beregszász und Krakau , in Prag und Paris aufgetaucht , zuletzt aber ,  an einem Morgen , lag er hier an der Ecke des Sankt Georg Platzes .)

                                                                                                                            ( Sankt Georg )



Der Schlüpfer mit den Grasflecken


Ich streichelte die Abdrücke des Grases in ihren Handflächen . Dann legten wir uns auf den Rücken und lauschten den Stimmen des Sees . Ich sah , wie ein Käfer zwischen den Grashalmen hervor auf ihren Körper kletterte . Abends wuchs mit jeder Haltestelle meine Bitternis . Weil ich  ihren Rücken zu berühren , nicht mehr gewagt hatte , obwohl da in ihre zarte Haut eine wunderschöne Grafik eingedrückt war . Weil ich nicht den Mut besessen hatte , den grünen Duft ihres Körpers ganz nah zu genießen .
An meinen Mund konnte ich noch gar nicht denken . Daß nach meiner Hand den Weg des Käfers auch mein Mund geht . Daß der untere Teil ihres Badeanzugs ein weiches Grasbüschel birgt , wo mein Gesicht hätte ruhen können .
( Wir gingen in die Grundschule , als sie , ihren Turndress zu Hause vergessen , im weißen Schlüpfer die Turnübungen machen mußte . Am Ende der Stunde stand sie vor mir in der Reihe . Verstohlen blickte ich nach ihrem Hintern , der voller Grasflecken war . )




Der Wintermantel


Man hat ihn aus dem Blutsee gezogen , flüstert ein Junge in den Flegeljahren , deshalb hat er ein Fischgrätenmuster . Und der kleine Junge sucht nach den Abdrücken spitzer Gerippe , erwartet einen See , der sich aus roten Tropfen bildet .
Die Frauen beobachten die Stirn des Mannes , wie der Schweiß daran herunterrinnt , so wie an ihren Rundungen . Einige erschauern , als würden sich Schneeflocken auf ihre gereizte Haut legen , andere geben durch Seufzer zu verstehen  , zu welcher Jahreszeit es heiß ist in der Straßenbahn  und blicken sehnsüchtig  zur geöffneten Wagentür .
( Er klammert sich nur an den Porzellangriff , als höre er das wiehernde Gelächter der jungen Leute nicht , sähe nicht die auf ihn zeigenden Finger . Er zieht den Wintermantel enger um sich , daß sein Leib nicht zerfalle , seine Moleküle sich nicht zerstreuen .)



Die braunen Sandalen



Noch tropft ihm das Wasser von den Aermeln .Tropft  auf die braunen Sandalen , auf den Boden der Straßenbahn. In seiner Hand hütet er eine Schnecke . Er hält sie gegen das Licht der untergehenden Sonne , beschaut sie prüfend . Das sonderbare Gewirr der Organe , das Pulsieren . Als könnte er mit Recht meinen , der Mensch sei die zum Sein geeignetere Kreatur . Er grübelt , legt dann seinen Kopf auf den Sitz .
( In sich zusammengerollt , die Hände von sich gestreckt , versucht er , sich weiter nach innen zu drehen . Eine harte Schale schützt seinen Körper . Nur ein Bein hängt aus der Spirale heraus , und die braunen Sandalen . )



Der blaue Pullover


Einmal wird die Straßenbahn abheben und nach oben steigen ,  denkt er . Auf ihrem Kopf einen riesigen , blonden Kuchenkranz , so  sehe ich dann von oben die Frau auf dem Fahrrad . Der See von Palics wird zum funkelnden Tautropfen .
Bis wir über den Ozean gelangen , wird jemand meine Worte erkannt haben . Sie wird zu mir kommen , mich rufen , daß ich mich zu ihr setze .Sie  wird lange , krumme Zeigefinger haben , aber zuerst werde ich ihren Kinnbogen liebgewinnen , dann ihr Lachen . Und sie - die unsichere Bewegung meiner Hand .
Dann wird sie schon alles wissen über mich . Sie akzeptiert , daß ich sie mit Bewunderung schaue , daß Himmel  und unter uns die Wolkenwelt nur Hintergrund zu ihrem Gesicht sind . Sie wird meine Berührungen annehmen .
( Mein blauer Pullover wird groß genug sein , uns beide zuzudecken , in der Nacht , über dem Ozean . )



Die Uniform


Er trank roten Wein . Die Flasche stellte er auf eine Bank , den Rand des Gehsteigs oder auf das Fensterbrett im Wartezimmer des Arztes. Jenes Fenster ist schon zugemauert . Mit wütendem Blick verfolgte er die Frauen mit rotgeschminkten Mündern .
Dies war ein alltäglicher Auftritt auf der Bühne der Avenue Junot , seltener in der Rue Caulaincourt . Mit würdigen Bewegungen in der blauen Uniform. Es formten sich lange , gewichtige Sätze , doch nichts war zu verstehen , keine zwei Wörter paßten zueinander . Nur ein Name wiederholte sich : Luiese .
( Damals , auf dem Nachhauseweg vom Bahnhof  hatte er in der weinroten Straßenbahn den Text gelernt , hatte sich pausenlos auf die Hauptrolle vorbereitet . Damit sich niemand zu ihm setzte , legte er immer seine Eisenbahnermütze auf den Sitz neben sich. )




Das Stirnband mit dem Norwegermuster


Ein Stirnband mit Norwegermuster werde ich  tragen ...und ich mag Kokusschokolade - antwortete die Unbekannte , als er fragte , wie er sie später finden würde .
Er rechnete ,  wie viele Jahren wohl seit diesem Anruf vergangen waren . Siebenundzwanzig oder achtundzwanzig ? Seitdem , wenn das Telefon dreimal klingelt  und wieder verstummt , bevor er den Hörer abnehmen kann , vermutet er immer dieselbe Person am anderen Ende .
Denn damals war er nicht zu dem Rendezvou gegangen . Hatte lieber Robi im Fußballspiel gesehen , den spaßigen Linksaußen , der den Dribbeltrick seiner eigenen Persönlichkeit nach geformt und perfektioniert hatte .
( Er wartete auf die Straßenbahn , als könnte noch jetzt das Band mit dem Norwegermuster auftauchen . Robi näherte sich im Rollstuhl , schob sich vorwärts im Schnee . )



Die Brille

 
Unten die Rundung eines barocken Balkons . Von oben der Abhang des Kreuzbergs, doch anstatt eines Schlittens gleitet eine Hand daran herab .So dachten sie sich die Brust der Lehrerin . Ihre kleinen Brustwarzen berührten ihre Handflächen kaum .
Das Reiben der Kreide war das einzige Geräusch , wenn sie an die Tafel schrieb . Jeder Millimeter , den sich ihr Rock hob ,wurde gezählt , und Tag , Stunde und Minute blieben in aller Erinnerung , als von ihren Schenkeln das Meiste zu sehen war .
Wenn sie sehr selten ihre Brille auf den Tisch ablegte , war es , als stünde sie nackt am Lehrerpult . Alle Jungen warteten auf diesen Moment , und ein jeder dachte , diese Bewegung geschehe nur seinetwegen  .
( Der Lederriemen ruckt .So wie an der Haltestelle ertönte auch die Glocke  am Stundenende. Ob es wohl einen Mann gegeben hat , der die Lehrerin aufforderte , ihre Brille aufgesetzt zu lassen , als ihr Körper mit nichts anderem mehr bedeckt war ? )


Der weinrote Hut


In meinem Traum öffnete sich meine Zimmertür in den Lift hinein . Nackt erwartete ich dich . Immer und immer wieder ging die Lifttür auf , mehr oder weniger bekannte Gesichter tauchten darin auf , so wie hier in der Straßenbahn.
Ich irrte zwischen den Häusern einer fremden Stadt umher. Ich sah, wie der winzige See langsam zufror und Vögel sich um die immer kleiner werdende Wasserfläche drängten . Dann stellte sich heraus , daß es nicht Schwäne waren , die dort hockten , sondern  die einstigen Katzen meiner Großmutter , meine Lehrmeister.
Ich folgte Großmutter in das wohlbekannte Haus hinein . Sie nahm mir den weinroten Hut vom Kopf und küßte meine Stirn . Unterdessen war mir stets bewußt , daß wir sie längst begraben hatten. Sie bat mich , sie zu lassen und zu leben .
( Weißt du , wäre Großmutter nicht gestorben , hätte ich mich vielleicht nicht in dich verliebt. )



Übertragen von Martina Nagy